Interview mit Bernard Boissel

Der Maler Bernard Boissel zum Begriff Abstraktion

Bernard BoisselBernard Boissel ist 1947 in Neuilly sur Seine bei Paris geboren. Er lebte 12 Jahre in der französischen Hauptstadt, dann in Dijon, wo er an der École Nationale de Beaux-Arts Bildende Kunst studierte. 1969 verließ er Frankreich, um nach München zu kommen und dort an der Kunstakademie zu studieren.
In München hat er in den größten Einrichtungen der Landeshauptstadt ausgestellt: im Deutschen Museum, in der Rathaushalle, im Haus der Kunst, im Institut Français. Des Weiteren in Darmstadt, Düsseldorf, Nürnberg, Bad Oeynhausen, Ulm, Gauting.

Pierre Mathias:
Wie spiegelt sich der Alltag in Ihren Bildern wider?

Bernard Boissel:
   Nicht so einfach, eine Antwort darauf zu finden. Der Künstler ist ein fester Teil der Gesellschaft. Er versucht alles, was man über die Medien übermittelt bekommt, auf seine Weise umzusetzen. Und das auf eine bewusste oder unbewusste Art. So entstehen meine abstrakten Bilder.

Aber was um uns geschieht, ist doch sehr real.

   Schon, aber wir leben aus meiner Sicht in einem Zeitalter der extremen Abstraktion. Das ist der Grund, warum ich nicht konkret arbeiten kann. Ich möchte keine Äpfel mehr malen! Nur so kann ich mich total frei fühlen!

Wie soll ich das interpretieren?

   In der Abstraktion ergeben sich Chancen, etwas Neues zu entdecken, sich von den Fesseln der Konventionen zu befreien! In keinem Zeitalter gab es solch eine Gelegenheit.

Wir leben doch in einer sehr konkreten Zeit mit leider sehr konkreten Ereignissen, wie Krieg und Totschlag. Wie kann der Künstler davon Abstand nehmen?

   Ich denke, dass es eine Frage der Disziplin ist. Der Versuch, sich vom Geschehen zu befreien, was Anderes zu suchen. Klar, man ist schon beeinflusst. Von einer völligen Freiheit kann nicht die Rede sein, aber man versucht dennoch sich zu entfesseln.

Ist in der Abstraktion eine Realität vorhanden?

   Ich behaupte, dass die Abstraktion eine Realität ist. Jeder kann sie bei einer Wanderung für sich entdecken. Auch Sachen, die er nicht unbedingt wahrnehmen wollte. Auch wenn sie für den Betrachter nicht unbedingt konkret sind, sind sie tatsächlich vorhanden. Ist das nicht spannend?

Habe ich Sie richtig verstanden, wenn das, was ich sehe, nicht unbedingt für Sie von Bedeutung ist?

   Das meine ich nicht so. Aber was für Sie sehr wichtig sein mag, gilt nicht unbedingt für mich. Was sehr schön an der Abstraktion ist, ist die Tatsache, dass man verschiedene Welten entdecken kann.

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Wenn Sie sich vor einer unberührten Leinwand befinden, wie steht es mit ihren Gedanken? Stützen Sie sich auf eine gewisse Realität oder denken und träumen Sie schon auf eine abstrakte Art?

   Ich träume immer in der falschen Richtung, egal wo ich mich befinde. Es spielt sich etwas anderes ab. Wenn ich vor einer weißen Leinwand stehe, ist das kommende Bild eine Antwort auf die Bilder, die vorher entstanden sind. Das ist ein Leitfaden, der die Zyklen bestimmt.

Schränkt Sie das nicht ein?

   Nein, es entstehen ganz andere Arbeiten. Sie sind die Antwort auf mein früheres Schaffen. Deshalb auch die Kontinuität in meinem Werk. Das ist eine Linie, die sich über Jahre fortsetzt.

Wir sind doch von realen Gegenständen umgeben. Spielen Sie eine Rolle in Ihrem Kopf oder können Sie davon Abschied nehmen?

   Ja schon, aber das bedeutet bei weitem nicht, sich von der Welt zu distanzieren. Ich versuche sie in der Abstraktion anders zu entwickeln, zu beachten.

Wie ist das in einer Zeit möglich, in der die realen Bildern uns überfluten? Wie kann man sich davon absetzen? Prägen nicht die grausamen Bilder eines Bürgerkrieges, wie in Syrien, unsere Wahrnehmung?

   Das ist einfach so, dass man sie im Unterbewusstsein registriert. Es spielt sich immer etwas ab, das der Künstler auf seiner Art umsetzt. Was mich angeht, ist das eine Phase der Inklusion. Der freie Raum ist schon in mir vorhanden, in der sich ohne mein intellektuelles Wirken, Formen der Traurigkeit entwickeln.

Kann der Betrachter in der Abstraktion eine Stimmung wahrnehmen? Ist er nicht überfordert? Besteht nicht die Gefahr, dass er etwas ganz Unterschiedliches interpretiert?

   In der Abstraktion müssen Gedanken abschätzbar sein. Zugegeben: man kann sie besser empfinden, wenn man mich länger kennt. Wer das nicht tut, wird voraussichtlich nicht leicht in meine Gedanken eindringen können, es sei denn, er hat meine Arbeitsweise entschlüsselt.

Ist das überhaupt möglich? Für den Künstler wünschenswert? Muss eine Schrift unbedingt erklärt werden? Sie entsteht doch nicht in einem Vakuum.

   Meine Schrift hat einen gewissen Duktus. Sie hat sich im Lauf der Jahre entwickelt. Sie hat etwas Physisches.

Was wollen Sie damit andeuten?

   Die Schrift entsteht durch meine Handbewegung. Sie hat sich im Lauf der Jahrzehnte verändert. Sie ist anders als vor 30 oder 20 Jahren. Das ist vergleichbar mit der Interpretation der Beethoven-Sonaten durch Vladimir Horowitz zum Beispiel. In seiner Jugend hat er sie ganz anders gespielt als am Ende seines Lebens.

Eine Entwicklung, die wir alle machen!

   Ich koche auch nicht mehr wie vor dreißig Jahren. Es gibt kein Zurück.

Kann man abstrakt leben?

   Ich tue es schon!

//pm

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